Dienstag, 22. Januar 2013

Pdp – Pas de problème, alles läuft rund, fast



Montagmorgen à Gounghin, so heisst das Quartier mit meiner Herberge. Ein erster Rundgang auf dem lokalen Markt, auf Tuchfühlung avec ma „vie africaine“, zwischen Anführungszeichen. Zu Fuss, denn noch habe ich mich nicht für ein Fortbewegungsmittel entschieden. En general bin ich mit dem Velo unterwegs. An zweiter Stelle stehen diese chinesischen 125er Pseudovespas, an dritter das voiture, aber das muss organisiert, mit Chauffeur versteht sich,  und teuer bezahlt werden. Oder ich miete mir eine Töffli ... on vera.

Bereits nach 50 Metern wird mir bewusst, dass ich noch immer mit meiner zürcherische Fussgänger Attitude unterwegs bin. Will sagen, zu schnell, zu wenig wiegend, zu wenig offen. Alors Rückschritt für Fortschritt.  Ich passiere rechterhand die grosse Moschee, vor deren Toren immer eine beachtliche Anzahl Männer bettelt. Linkerhand steht der Töggelikasten, noch verweist, aber er wird seine Spieler bald finden. Dann vorbei an Bretterbuden, Bretterverschlägen, kleinen Restos, Frauen, die bereits ihre fliegenden Küchen installiert haben, Natelverkäufern, Kalabassen, Zierrat und viel Unrat, Gockeln, Hennen, Küken. Dann die Früchte-, Tomaten-, Gemüseauslagen, dann Erdnüsse, gesalzen, süss, mit und ohne Röstung. Kochbananen, Essbananen, Minizitronen, Maniok, Fisch, Frischfleisch mit Fliegen und so weiter und so fort. Doch ich peile den Marina Market an, eine lokale Einkaufskette. Denn ich brauche subito Milchprodukte mit garantierter Kühlkette. Néscafé mit Milchpulver ist einfach nicht wirklich mein Ding.

Der Kaffe aus dem Nestchen, die Milch aus dem Nestchen, das Leben aus denm Nestchen, ...

Und da ich von meiner letzten Ouagareise doch Millionen von Einzellern – illegal ich weiss – so genannte Lamblien eingeführt habe, bin ich jetzt grad aktuell auf der  vorsichtigen Seite um mein Verdauungssystem nicht schon in den ersten 48 Stunden zu stressen. Es kommt dann so wieso so wie es kommt, oder.

Punkt 10 steht dann Warren auf der Matte. Heute wird gearbeitet, heute werden wir gemeinsam die Schulklasse besuchen, über und mit der ich eine Fotoreportage erstellen möchte. Warren, Fotografie-Urgestein aus Ouaga wird das ganze auf einen Chip bannen. Warren hat bereits vorrecherchiert. On verra.
Die Reportage soll Teil des Festivals „Pas de problème“, dass wir rund um „L’Héritage“, unser Familien-Theaterstück, gespielt in der Trinkhalle der Wirtschaft Ziegelhütte in Zürich-Schwamendingen, sein. Das Ziel der Reportage ist, eine Diashow für Oberstufenschüler aus Schwamendingen zu erstellen. Eine Art afrikanischer Schulspiegel. „Bestellt“ habe ich eine Schulklasse in einem Aussenquartier, einem Ort der wenig Begüterten und das heisst viel und bedeutet sehr wenig in Ouaga. Und öffentlich soll sie sein, keine Privatschule.

Wir cruisen eine halbe Stunde durch Ouaga. Ich stelle fest, dass viel mehr Verkehrspolizei positioniert ist, als das letzte Mal. An praktisch jeder Kreuzung mindestens zwei Uniformierte. Es scheint, dass die Stadtregierung die Verkehrsregeln, die ohne Zweifel existieren, aber bis jetzt ein eher marginales, bis zur grossen Nichtbeachtung, Dasein führen, durchsetzen wollen ... On verra.

Abends werden mir Augusta, Schauspielerin voller Gnaden und Achille, Schauspieler voller Feuer, erzählen, dass sie beide von der Verkehrspolizei angehalten wurden. Augusta musste ein Busse, bezahlen, weil sie ihre Karre nicht vorgeführt hatte, Achille überfuhr ein Rotlicht. Beide müssen umgerechnet 6000 CFA-Franc zahlen. 100 SFR sind 53'000 CFA. Voilà. Der Staat braucht Geld.

Pausenplatz

Der erste Eindruck ist ein Abdruck. Der Innenhof der Schule ist grossflächig, vier Fussballfelder, geschätzt, drei Bäume geschätzt und rund herum stehen die Schulzimmer. Die Sonne brennt und trotzdem geht ein kalter Wind. Ein jährliches Wetterparadox, das viele krank macht. Einerseits Temperaturen bis über 35 Grad und andererseits eine Art Bise, die in die Knochen fährt, dazu Wüstenstaub, auch wüsten Staub. Das ist Monsieur Harmattan in Januar.

Halimata, 14-jährig, muss noch ein Jahr in dieser Schule bleiben, da ihre Eltern das Geld für den Übertritt in die Oberstufe nicht bezahlen können. 

Ich lerne Halimata, 14 Jahre jung kennen. Sie wird das Mädchen sein, das Warren, der Fotograf für das Schulportrait ausgewählt hat. Wir begrüssen uns kurz, sie spricht leise, senkt den Blick, ist sehr scheu. So ein weisse Tante  aus der Schweiz ..., die Fragen stellt ... Sie hat keine Ahnung wo das ist, Schweiz, Europa? Und natürlich habe ich mal wieder keine Karte dabei. Asche auf mein Haupt, tammi nomal, immer wieder vergesse ich das Einfachste.
Ich habe einzig 30 Bleistifte dabei, aber die Klasse hat über 46 Kinder ... Da stehe ich und fühle mich schäbig.

Abwesenheitsassistenz
Am Freitag, werden Warren und ich Halimata zu Hause abholen und in die Schule begleiten. Im Gepäck einen Ball mit  Miniglobus-Sujet. So kann ich ihr wenigstens zeigen, wo die Schweiz auf dem Globus zu finden ist und was für eine Miniature, dies Land ist.

Kurz spreche ich auch noch mit drei Lehrkräften, zwei Lehrerinnen und dem Lehrer von Halimata. Alle unterrichten über 40 Kinder pro Klasse und unterrichten toutoutout. Mathe, Schreiben, Franz, Singen, Turnen, Geo und was man alles so lernt, für das Leben, eben ... Die Kinder pro Klasse sind zwischen 9 und 15 Jahre jung.

Das erste Beschnuppern ist vorbei, als am Himmel über der Schule ein dicker, fetter Flieger über den Schulhof hinwegdonnert. Ohne Signale, ganz in militärischem Grau. Die Richtung ist bestimmt, vers Mali. Der Krieg ist nah, der Krieg ist da.

Abends tschutten die Hengste aus Burkina gegen Nigeria und gewinnen 1:1. So jedenfalls wird das hier interpretiert. Battu Nigeria, bravo! Ach ja, es spielt die afrikanische Meisterschaft.






Sonntag, 20. Januar 2013

Hund ist mehr Schwein wie Rind - L'afrique hat mich wieder


Das neue Jahr hat begonnen. Mit was für einer Musik. Der Kontostand ist im Sinkflug, aber trotzdem (noch) ausgeglichen, die erste grosse Melancholie liegt bereits hinter mir und seit einigen Stunden bin ich in Ouagadougou.

Die Reise begann um 7 Uhr in der Früh Zürcher Ortszeit im Schneegestöber und endete mit einer sanften Landung pünktlich um 16.50 Ortszeit Ouaga.

Zürich Abgang 7.30 Uhr, Jänner 19.

Dazwischen lagen einige interessante Gespräche, von der Art wie man sie früher, als im Zug noch miteinander gesprochen und nicht autistisiert wurde, erleben konnte. 

Von Zürich nach Brüssel nahm ein flotter Geschäftsmann neben mir Platz, der, so schien es mir jedenfalls einer der Weitgereisten ist. Nicht ein Hauch von Reisenervosität, sondern diese Art Reisemenschen, die sich im Flugzeug so verhalten, als wären sei bei sich in der Gartenlaube, angenehme 25 Grad im Schatten und ein Glas Sancerre. Très distingé!
Genau das Richtige für mich, die ich doch noch immer mit einer gewissen Unruhe im Herzen auf jede Flugreise gehe. Ich bin ja noch immer eine Kurzgereiste. Der Flattersatz und das kurzzeitige Herzrasen sind passé, aber eine mir nicht unangenehme Fiebrigkeit ergreift mich noch immer. Und wenn ich dann alleine reise, ist so ein männlicher Tranquilizer herzlich willkommen. Da werden irgendwelche DerMannbeschütztmich-Chips aktiviert. Und in der Tat, der Mann ist irgendein ranghohes Tier bei IBM in unserem zürcherischen Altstetten. Verantwortlich für was weiss ich denn von IBM und lebt in Belgien, genauer Antwerpen. In der Regel fliegt er am Montagmorgen in Kloten und am Freitag wieder in Brüssel ein. Und das seit sechs Jahren. Davor war er weltweit tätig, jetzt ist er, so seine Worte, quasi sesshaft, obschon er immer wieder auch ins Ausland fliegt. Et voilà. In Zürich bewohnt er kein Appartement oder so was in dem Stile, sondern er logiert im Hotel; weil billiger als eine Wohnung mieten! Et voilà. Und ausserdem ist alles aufgeräumt und immer picobello. Er ist verheiratet, die Frau arbeitet auch und er hat drei erwachsene Kinder, die alle studieren. Und nur eine Tochter raucht ab und zu. Eine Sozialraucherin, wie er präzisierte. In Zürich findet er den öffentlichen Verkehr absolut den Hammer und erst kürzlich hat er das Viadukt entdeckt und ist ganz begeistert. Kurz streiften wir noch Lance, das grosse Lügenpedal und waren uns einig, dass der Mann eine Plage für die Welt ist. Nicht nur für die Pedalöre. Der nette Geschäftsmann hievte dann auch noch meinen schweren Rucksack hin und her. Im Gegenzug weiss Monsieur le Belge nun, warum ich hier bin – vielleicht weiss er gar mehr wie ich – was ich vorhabe, so in etwa, und was ich so treibe in der Schweiz. Aids-Hilfe und so.
Und dann war der Flug auch schon zu Ende und der Brüsseler Flughafen nahm mich in Empfang. Kein Vergleich zu diesem Monster CHdG in Paris. Alles übersichtlich, alles sur place.

Und nach einer längeren Enteisungsaktion – ja es war auch in Brüssel kalt, wenn auch nicht so kalt – starteten wie Richtung Ouaga. Diesmal hatte ich eine Frau, encore une Belge, neben mir. Etwas bieder, wie mir auf den ersten Blick erschien, kleider- und brillenmässig gesprochen, aber ebenfalls sehr nett. Auch sie verstaute meinen schweren Rucksack, auch sie schien mir weitgereist. Trotzdem stellte sich der DieFraubeschütztmich-Modus nicht ein. Gender bleibt Gender ... Na ja, das vertiefen wir jetzt nicht.
Die Frau, mit Vornahmen Nadja, sie nannte ihn mir nach dem ersten Gin-Tonic, flog noch Lomé mit Zwischenlandung Ouaga. Sie arbeite gemeinsam mit Bauern in einem Dorf Nahe der Grenze zu Burkina. Eines der vielen humanitären Projekte in Westafrika. Dazwischen fliegt sie immer wieder mal zu ihren Eltern in Brüssel. Und sie hat einen alten Range Rover gekauft und nach langem Zögern hat sie sich nun auch ans Autofahren gewagt. Das findet sie jetzt absolute Klasse, und als sie mir das erzählte, strahlte sie wie eine reife Mango. Sehr schön. Ihr Freund, ein Einheimischer möchte auch gerne mit dem RR fahren, hat aber noch kein Permis. Das ist ihr dann doch zu riskant, man weiss ja nie ... Während dem Mittagessen, sie trank jetzt Weisswein und nachdem ich sie gefragt hatte, ob sie auch gerne scharf esse, erzählte sie mir, dass sie alles, wirklich alles esse, was die Locals auch essen. Ausser scharf da sei sie heikel. Aber sonst alles. Das heisst auch Hunde. Sie kaufe auch Hunde, töte sie und esse sie. Und sie schmecken eher wie Schweine, denn wie Rinder. Und überhaupt gefällt es ihr sehr gut in Togo und ein bisschen spricht sie auch eine der Landessprachen. Et voilà.

Zwischendurch schenkte ich mir eine halbe Stunde Air-TV. Avatar stand auf dem Programm und da ich diesen Film noch nicht gesehen hatte, nahm ich die Occasion wahr. Nach einer halben Stunde gab ich, in einer unendlichen Langeweile von Blaupause, auf. Was für ein Scheissfilm. Die Story wird auch mit 3D nicht besser.

Sahara, janvier 2013

Und dann war da ja noch die Wüste. Ich hatte das erste Mal in meinen Flugleben einen Fensterplatz, denn ich auch nutzte. Bis jetzt hatte ich immer zu viel Respekt (man kann dem auch Angst sagen) vor den Blicken in die Tiefe. Oder war es eher die Weite? Und verzichtete in der Folge immer auf meinen Ausguck. Aber diesmal nicht.
Und was ich sah, war 10000000000 Mal besser als alle Avatars zusammen. Europa lag unter einer dicken Wolkenschicht. Nordafrika teilweise auch und ab Südmarokko lichtete sich die Atmosphäre.

Niger
Die Sahara. La grande. Wellenförmige Sandmuster von Wind und Wetter, durchzogen von haarfeinen Rissen, Verwerfungen und Erhebungen. Ockergelb, sandbeige, silberbeige, braunbeige, graubraun. Menschenleer ohne Stillstand.
Dann wieder wie fallengelassene Tücher. Leinene, seidene, wollene. Eines und noch eines und noch eines. Ineinander und aufeinander und miteinander. Muster und Formen, abstrakte, nie zuvor gesehene, Farbspiele eines Kindes. Jede Wolke als Schattenspiegel zurückgeworfen.
Fliegen, fliegen, überfliegen.
Winzige Dörfer, Kreise, Quadrate, Vierecke.
Dann der mäandernde Niger. Blaugraues Band durchzieht silberbeige. Keine Spur von grün.   
Dann Bäume, mehr Dörfer, mehr von allem, aber noch immer spärlich. In der Wüste wird gespart. Claro que si.

Sahara

Und irgendwann die Frage noch den Jihadisten. Wo sind die da unten? Denn jetzt überfliegen wir die Region um Tombouctou, so zeigt es zumindest die Flugkarte an. Und was ist eigentlich, wenn jetzt so ein Franzosenflieger daher geflogen käme? Ja was wäre denn? Wären wir in unserer Luftmaschine auf 11000 MüM höher oder tiefer? Hé da unten herrscht Krieg und wir fliegen darüber hinweg.

Ich merke ich habe viele Fragen, keine Antworten und Nadja schläft.

Ich schaue in die Tiefe, in die Weite, staune.

Pünktlich landen wir in Ouaga. Es ist heiss, ich bin da, ich bin angekommen.





Montag, 8. Oktober 2012

Das Wort zum Sonntag, am Montag


Der Schweizer Apfel

Sonntagmorgen, sieben Uhr. Langsam schraubt sich die Sonne in den Himmel. Das milchige Licht zeichnet die ersten Schatten auf die staubigen Strassen. Die Regenzeit scheint passé zu sein. Die Stadt nimmt langsam Anlauf. Die ersten Läden öffnen die Türen und warten auf den ersten Kunden, der Glück und noch mehr Kunden bringen soll. Die fliegenden Händlerinnen und Händler wischen sich ein Plätzchen sauber und installieren sich. Grillierte Kochbananen werden gewendet, Pfannkuchen in süttig heisses Palmöl getaucht, Baguettes mit Rührei, und falls erwünscht mit allen unmögliche Inn-, und Aussereien, gefüllt. Konfitüre geht auch. Eine Hündin bellt erfolglos gegen Steine schmeissende Jungs an. Mère Poule führt zwei Poussin spazieren. Eine Ziege entsorgt Plastikmüll. Noch ist der Verkehr handzahm.

dimanchetrankil
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Der Monsieur spendiert ihnen ein Bier. Oh, merci!
Der Monsieur heisst Fidel und hat eine Geschäftsbesprechung im Garten der Résidance Galiam, wo ich logiere. Praktisch jeden Tag kommt er ins Hotel, wie etliche andere auch, um seine Mails zu checken. Die Résidance bietet freien Internetzugang.  Da ich nicht eruieren kann, wer denn nun Hotelgast und wer den nun Besucher ist, grüsse ich immer alle. Das fand Fidel nett und darum spendierte er mir ein Bier. Zwei, drei Sätze wurden ausgetauscht, aha Theater, aha Tourismusbranche, aha aus der Schweiz, aha Burkinabé, aha, aha, aha.

Drei Tage später die zweite Einladung zu einem weiteren Bier und einem kleinen Schwätzchen. 17h d’accord? Blödnaiv, naivbblöd? sage ich zu. Ich werde um diese Zeit ja eh in der Résidance bloggen. Alors de quoi? Ein Bier trinken und ein bisschen quatschen. Schadet auch den Französischkenntnissen nicht, en plus. Punkt 17 Uhr steht er auf der Matte. Non, wir werden doch nicht hier ein Bier trinken, wir gehen en ville. Aha. Soll ich? Soll ich nicht? Meine Antennen übertragen mir eine Sicherheitstüre einzubauen. Ich sage zu, aber unter der Bedingung, dass ich um 19 Uhr wieder im Hotel sein muss, von wegen abgemacht und so. Aha.

On y va. Ich nehme zur Kenntnis, dass Fidel einen praktisch intakten Mercedes(logo Occassion) sein eigen nennt. Aha. Wir fahren nicht weit und treffen in einem der vielen Strassenrestos von Ouaga, auf seine Freunde. Begrüssung und viel Blabla und bald fühle ich mich wie vorgeführtes Simmentaler Braunvieh. Die Männer scherzen viel, mal auf Französisch, mal auf Mooré.  So weit ich der Konversation folgen kann, sind die meisten Witze religiös konnotiert. Man erklärt mir, das sei die Plaisanterie, jene scherzhafte Form, die hilft soziale Spannungen zwischen den Ethnien abzubauen. Banalisiert gesagt, wie wenn sich Basler und Zürcherinnen verbal anficken und scherzen, um sich nicht zu prügeln. Dazwischen das übliche, die Schweiz als weltweiter Geldhort und Geldwaschanlage. Aha.

Ich simuliere einen Telefonanruf und gebe vor, ich müsse nun direkt ins Hotel zurück.
Später erzähle ich diese kleine Episode einem Freund. Er erklärt mir, dass die Einladung auf ein Bier, die Einladung zu einem Beischlaf sein. Manchmal brauche es auch zwei Bier. Claro que si, oder? Aha. Künftig zahle ich mein Bier selber.

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Schauspielerin O. möchte unbedingt in der nächsten Produktion von Monsieur X. dabei sein. Was soll sie tun? Schauspielerin A. rät ihr, den besagten Herrn im Hotel aufzusuchen und ihm persönlich das Anliegen vorzutragen. Und wenn er mit mir schlafen will? fragt O. Dann hörst du auf dein Herz und entscheidest dich, rät A. Wie die Geschichte ausgegangen ist? So oder so.

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Eigentlich ich die Schule gratis. Die staatliche Schule auf jeden Fall. Aber wenn sich zu viele um einen Platz in der Oberstufe bewerben, kann es durchaus sein, dass allein für die Entgegennahme des Anmeldeformulars eine Gebühr von 40'000 FCFA (rund 80 Franken und das Durchschnittseinkommen in einem Monat) erhoben wird. Eigentlich ist die Schule gratis.

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Ca se passe à la télé

Wir sind im Fernsehstudio. Aufgezeichnet wird die Sendung „Ca se passe à la télé“, eine Promo-Sendung, in der sich Firmen, Unternehmungen und dergleichen mehr vorstellen können. Das Publikum zur rechten und linken Seite des Moderatorenpultes geben jeweils die Angestellten der eingeladenen Firma. Dazwischen singen, säuseln, rappen, kreischen, düdeln eingeladene Musikerinnen und Musiker, jeden Alters, jeden Stils, jeden Niveaus. Die Sendung wird aufgezeichnet und jeweils sonntags – im Loop – X Mal wiederholt.

Nöel, einer unsere Schauspieler in „SEVRAGE“, möchte eine zweite Karriere als Musiker aufbauen, da ihn das Theaterbusiness immer wieder mal ankotzt. Als Musiker heisst er Nounou und seine Band besteht, in der Regel, aus verschiedenen Musikern und drei Frauenstimmen. Er sei noch auf der Suche nach dem richtigen Sound, darum versuche er sich auch in diversen Sparten. Was zwischen Tradition und Rock, Chanson und Pop und seiner eigenwilligen Interpretationsart halt.

Bereits um 13 Uhr mussten wir vor Ort sein, aber dann fand die Eile ein jähes Ende. Zuerst wurde gegessen und lange auf den Moderator gewartet. Als der endlich eintraf, war er überbusy und hatte nur ganz kurz Zeit. Ich wurde fälschlicherweise für die Weisse gehalten, die auf Mooré singt ... désole. So wurde es fast halb drei, bis wir endlich im Studio landeten.

Und hier stehen wir nun. Für den Soundcheck muss der Tontechniker zuerst das Mischpult einrichten und dann seine Kabel sortieren. Zwischenzeitlich trudeln immer mehr Musiker ein. Sie alle dürfen, wie Nöel auch, zwei Songs zum Besten geben. Von Musikstarsternchen über Reagge-Rasta-Yeahh-Jahh-Man, zum Coraspieler, zum Protestsänger, zum coolen Rapper ist alles zu haben. Bevor der erste Check  von statten geht, haben wir die erste coupure (Stromausfall).

Das ganze Studio ist in Dunkelheit gehüllt. Einzig die Handypfunzel des Tönlers strahlt ein bisschen ins Schwarze. Die üblichen anzüglichen Bemerkungen, die wahrscheinlich weltweit überall und bei jedem Stromausfall gemacht werden, werden auch hier gesetzt. Auf meine Frage, ob es den kein Notstromaggregat gibt,  schliesslich ist das hier das Staatsfernsehen, sagt man mir, ja, doch, aber bis das jeweils anläuft ist die coupure bereits vorbei.

Und in der Tat, es wird wieder Licht. Weiter mit dem Soundcheck. Doch das eine Kabel will nicht recht und so muss ein neues her, sprich gesucht werden. Das dauert und hoppla, die nächste coupure. Ein paar Minuten später, Licht und Kabel sind jetzt vorhanden dauert der erste Soundcheck ganze dreissig Sekunden. Zweimal Gitarrenschrumschurm und einmal ins Mikro gehaucht, fertig. Der zweite Soundcheck hat auch seine Tücken. Diesmal ist die Gitarre futsch und wer lehnt nun so auf die Schnelle die seine aus? Kurze Diskussionen, dann ist man sich einig, dann hoppla, die nächste coupure. Nein, es ist nicht zum Lachen. Es ist zum Brüllen.

Als das Licht wieder angeht, steht die Belegschaft, respektive das Publikum auch noch im Studio. Alle schön gewandet und die Frauen mit ihren schönsten Perücken, eingehüllt in süsse Parfüms. Ihre Chefs nehmen direkt am Moderatorenpult Platz. Vom Moderator ist noch nichts zu sehen. Eine Frau staubt das Moderatorenpult ab und richtet die Mikrophone. Eine Kamerafrau und zwei Kameramänner sind nun auch noch im Studio und bereiten sich auf die Sendung vor, nehme ich an, obwohl ich die Vorbereitungen nicht wirklich sehe. Wo sich die Senderegie befindet ist nicht auszumachen.

Und wieder trudelt eine Schar Musiker ein. Ich will wissen, ob die nun alle in dieser Sendung auftreten? Mais, non, wir zeichnen heute zwei bis drei Sendungen auf.
Es geht weiter mit Soundcheck und ebenso mit den coupures. Irgendwann hat auch Nöel seinen Check hinter sich gebracht. Er ist nervös, denn langsam aber sicher rennt die Zeit davon. Es ist bald 15.00 und um 16Uhr müssen wir reisefertig für SEVRAGE in einem anderen Stadtviertel sein. Vom Moderator noch immer keine Spur.

Die nächste Aufgabe heisst eine Reihenfolge erstellen, in der die Musiker jeweils auftreten. Das ist noch nicht gemacht? Mais, non. Klar ist, Nounou kommt zuerst, er muss ja dann weg. Aber wer hat einen Pic, einen Kugelschreiber? Und wer hat ein Blatt Papier? Und wer schreibt? Und für wen macht man diese Liste? Ach so, für den Moderator.

Und nein, pas encore une coupure, nach sechs gezählten Stromausfällen in 1,5 Stunden geht nun alles seinen richtigen Weg. Der Moderator schwebt ein, witzelt was von zu heiss und so und bringt die Frauen im Publikum zum Lachen. Und erinnert alle daran, dass heute Sonntag ist, nicht Mittwoch. Dann kommen sich die Kamerafrau und ein Kameramann ins Gehege, das heisst ihre Kabel verfangen sich, es schein unklar, wer wenn im Sucher hat und welche Kamera aufzeichnet. Kurzer, heftiger Wortwechsel und schon ist es auch wieder vorbei.

War das nun ein Training oder schon die Aufzeichnung? Nöel meint, es sei die Testaufnahme, aber die würden oft verwendet, da ansonsten die Leute zu nervös seien ... Was denn nun?
Es ist 15.40 als Nounou endlich singen kann. Um15.50 bestiegen wir den Töff und fahren zum Treffpunkt. Wir werden nur ein bisschen zu spät eintrudeln. Unterwegs fahren wir an einem Unfall vorbei. Aber das ist doch das Auto von Augusta, einer Schauspielerin, die ebenfalls um 16 Uhr am Treffpunkt sein sollte. Was ist passiert? Ist jemand verletzt? Nein nur ein Blechschaden. Zum Glück. Jetzt warten wir alle auf die Polizei. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Apple c’est Suisse, non? Nein, Apple ist eine amerikanische Marke. Bist du sicher? Ja, ich bin sicher. Warum? Hé ici en Ouaga sind alle überzeugt, dass Apple und iPhone et tututtu aus der Schweiz kommen. Warum? Weil alle Schweizer, die hier in BF sind Applecomputer und iPhone haben, tous, tous, tous.



Freitag, 5. Oktober 2012

OSER LUTTER - SAVOIR VAINCRE 2èm partie


Wehe, wenn die losgelassen .... Bacchantinnen
Bis, ja bis, eine Woche, notabene, vor der nächsten Arbeitsstaffel, Etienne  Minougou, Schauspieler, Regisseur, Dramaturg und seines Zeichens Directeur des « Récréâtrales » (Résidences panafricaines d’écriture, de création et de formation théâtrales) et de la Compagnie Falinga au Burkina Faso, 
Promoteur de la Coalition africaine pour la Culture Expert associé au programme culture UE/ ACP der Companie erklärte, ihre Produktion sei ersatzlos gestrichen, die Cartes blanche von Tassembédo nichtig.

Et voilà. Und plötzlich stehen rund 20 Künstler ohne Engagement, ohne Geld auf den staubigen Strassen von Ouaga. Künsterinnen und Künstler, die andere Angebote ausschlugen, sich nicht an Ausschreibungen beteiligten, brev, die auf die Bacchantinnen setzten. Und die bereits sehr weit gekommen waren. Und bereits sehr viel Gratisarbeit geleistet hatten.

Nun ist dieser Vorgang nicht einzigartig. Das Produktionen abgesagt, verschoben werden kommt immer wieder vor. Hüben wie drüben. Bloss das drüben, sprich in der Schweiz mindestens die Mindestregeln eingehalten werden müssen (was auch nicht immer passiert, ich weiss). Aber dann ist die Schlichtungsstelle dann doch zur Stelle.

Hier lasten solche Konsequenzen ungleich schwerer. Da Geld immer knapp ist und sich die Menschen im Hinblick auf Engagement oftmals verschulden, sind Njets eine Katastrophe mit langen Rattenschwänzen. Schulausgaben für Kinder, längst fällige Medikamente, Schuldensanierungen, ja selbst das Benzin für den Töff kann nicht mehr bezahlt werden. Und, nein deine Freunde kannst du nicht anpumpen, die stehen in der gleichen Kloacke, ohne Gummistiefel ...

Und so werden in der Regel, solche „Schicksale“ murrend akzeptiert und sind bald vergessen. Bis zum nächsten Mal. Umso erstaunlicher, dass diese Dionysos-Equipe nun beschlossen hat, sich nicht einfach zu beugen. Sondern es wagt Fragen und Forderungen zu stellen, drüber zu sprechen, ihre Kollegen und Kolleginnen zu informieren, den verweigerten Dialog (per Mail wurde zweimal angefragt, ob man denn nicht doch ...) zu veröffentlichen und weiter zu proben. Auch ohne Saläre.

Irène Tassembédo ist mit von der Partie. Das heisst, die Proben finden weiterhin bei ihr statt, für die Equipe wird weiterhin gekocht, wer dringend Benzinmünz, Kinderbetreuung oder sonst was braucht, erhält ein Minimum an Unterstützung. Auch sie nutzt ihre Kontakte, informiert ihre Szene. Auch sie findet die Art und  Weise wie mit den Künstlern umgegangen wird, diese Respektlosigkeit! eine Frechheit.

Warum hat man die Carte blanche von Irène Tassembédo mir nichts dir nichts gestrichen? Was für ein Machtkampf wird auf den baren Füssen der Schauspieler ausgetragen? Gibt es eine hidden agenda, von der nur Eingeweihte wissen? Warum, wenn den schon etliche, versprochene Gelder nicht ausbezahlt werden, wird nicht linear bei allen Produktionen gekürzt? Hier sprechen ja dauernd alle immer von der Solidarität, die wir längst nicht mehr hätten ... 
Und um wie viel Geld handelt es sich? Wieso wird das alles nicht offen kommuniziert?  Die Schweizer halten ihr Geld, so hört man, auch zurück. In der letzten Buchhaltung sind Unregelmässigkeiten aufgetaucht ... Viele Fragen, wenig Antworten. Es wäre spannend, dieser exemplarischen Geschichte nachzugehen. Aber welche Publikation würde so einen Artikel veröffentlichen?

Geschichten aus Westafrika sind in unseren Medien noch immer rar. Lieber publizieren alle, jeden Tag, jeden verdammten Scheiss, denn irgendwo ein amerikanischer Präsikandidat von sich gibt. Der amerikanische Wahlkampf scheint für die Schweiz von allerhöchster Priorität zu sein, dabei sind die Geschichten aus dem laufenden WK nicht einen Klick wert. Wirtschaftsmacht, Wirtschaftsmotor, Colapower über alles. Bin kurz abgedriftet, aber das geht mir gewaltig ans Gäder. Dieses einseitige Themensetting. Das war im letzten Jahrhundert noch knapp okay, aber hé! die Welt ist längst eine andere und nicht einzig die Sternenbannerpolitiker oder Wirtschaftsagenturen schreiben Geschichte(n).

Und wenn ich schon am Abdriften bin, ein kurzer Ausflug in die Tier- und Umwelt. Heute haben mich mindestens schon 30 Mücken gestochen, gestern waren es eben so viele, und morgen werden es nicht weniger sein. Anti Brumm für die Katz! Die Temperatur liegt aktuell bei 36 Grad und seit neuestem müssen sich alle, die eine Natelnummer haben, registrieren lassen, ansonsten wird die Nummer gekappt. Heisst es offiziell, ob es dann auch tatsächlich so sein wird, on verra.
Und aus noch nicht verifizierten Gründen scheint Gas Mangelware zu sein. Die Menschen stehen stundenlang mit ihren leeren Gasflaschen, auch für die Katz.

De retour. Les bacchantes. 
DIONYSOS:  Hier bin ich nun, in Theben, ich, der Sohn des Zeus,  Dionysos, den einst des Kadmos Kind, Semele,  in eines Blitzes Feuerstrahl zur Welt gebracht. Als Gott in menschlicher Gestalt erreichte ich
den Quell der Dirke und die Fluten des Ismenos.
Das Grabmal meiner Mutter, die der Blitz erschlug,
erblick ich dort am Schloß, und ihres Hauses Trümmer;
sie rauchen heut noch, Glut des Zeus, und künden ewig
von Heras wilder Eifersucht auf meine Mutter.

Ich lobe Kadmos, der den Platz als Heiligtum
der Tochter weihte; und ich hegte diese Stätte  rings ein mit frischem, traubenreichem Rebengrün. 
Botenbericht des Hirten vom Treiben der Bakchen:
Da sah man Rippen, sah gespaltne Hufe wirbeln  nach hier, nach dort. Und an den Tannen blieb es hängen  und ließ, blutüberströmt, die Tropfen niederrinnen.  Die Stiere, sonst so übermütig und geneigt  zum Stoße mit den Hörnern, taumelten zu Boden,  von tausend starken Frauenarmen fortgeschleift.  Und schneller ward das Fleisch in Fetzen fortgetragen,  als deines königlichen Auges Wimper zuckt.    Dann stürmten, wie ein Vogelschwarm, der aufsteigt, sie  zur Niederung hinab, die längs des Asopos  die fetten Ähren der Thebaner reifen läßt,  und stürzten sich, ein feindlich Heer, auf Hysiai  und Erythrai am Fuße der Kithaironberge,  und schleppten alles fort in buntem Durcheinander.  Aus Häusern rafften sie sich Kinder auf. Und was  sie auf die Schultern luden, das blieb ohne Riemen  dort haften, stürzte nicht herab zur schwarzen Erde,  auch Erz, auch Eisen nicht. Auf ihren Locken trugen  sie Feuer, das nicht sengte. Wütend nun ergriff  das Volk, das von den Bakchen sich geplündert sah,  die Waffen. Das ergab ein seltsam Schauspiel, Herr:  Die Bauern schlugen mit den Waffen keine Wunden,  die Bakchen schleuderten den Thyrsos aus der Hand  und trafen bis auf Blut und jagten, sie, die Weiber,  die Männer in die Flucht! Da war ein Gott im Spiel!  
Proben zu den Bacchantinnen - chez Irène Tassembédo

Hier in Ouagdougou ist kein Gott mit im Spiel. Abgesehen davon, dass sich gewisse Theatermacher durchaus wie Götter, denen alles offen steht, benehmen. Nein, hier berauscht sich niemand, kein Ausrasten, kein wildes Gebaren, kein Furiengesang. Einzig eine Truppe von Schauspielern, die sich nicht mehr alles gefallen lassen will. Mit einer Frau an der Spitze, die genug Einfluss und Macht hat, den Kampf gegen die Ungerechtigkeit zu führen ...

Die Proben dauern lange, inklusive Samstag. Von 8 bis 13h, von 13.30 bis 17 oder auch 21h. Viel Choreo, viel Tanz, viel Textarbeit. Kostümprobe, Musikprobe, Licht- und Tonproben.
Jetzt stehen auch die Spieldaten fest, der Spielort ist gebucht und es wird in direkter Konkurrenz zu den Récréâtralauführungen gespielt werden. Gleiche Tage, gleiche Spielzeiten. Zwischenzeitlich wird der Kampf auch finanziell von verschiedensten Privatspenden unterstützt. Jeder FCFA ist willkommen.

Wie auch immer der Bacchantinnen-, oder ist es eher der Kampf des Dionysos? enden wird, gewonnen  haben die Künstler und Künstlerinnen sowieso.

p.s. Die so viel gepriesene Solidarität unter den Künstlern hier im Lande, hält sich in engen, um nicht zu sagen engsten Grenzen ...